Die Ursprünge im Bluesdelta

Die alten Meister, die das Genre des „Deltablues“ in den Jahren zwischen ca. 1890 und 1940 prägten und mitentwickelten waren fast alles Autodidakten und nicht selten gar Analphabeten. Sie - in der Regel Abkömmlinge von Sklaven, aber de facto in ihren Freiheiten immer noch stark eingeschränkt - immer noch unfrei und unterdrückt - kombinierten viele Element und Einflüsse zu einer neuen Mischung, die heute als Blues bekannt ist.

Das Mississippi-Delta ist nicht als Flussdelta zu verstehen, sondern es ist das „Dreieck“ mit den Eckpunkten Vicksburg im Süden und Memphis im Norden, im Westen und Osten begrenzt durch die Flüsse Mississippi und Yazoo.

Bekannte Orte, die auch immer wieder im Blues besungen wurden, waren und sind nebst Memphis und New Orleans auch Helena, Clarkesdale, Tutwiler, Greenwood, Jacksonville, Vicksburg, Natchez und Baton Rouge.

Die Entstehung der Form des Blues wird zwischen 1870 und 1890 datiert, es gibt da unterschiedliche Einschätzungen. Als WC Handy 1903 am Bahnhof von Tutweiler das erste Mal einen Blues („Go where the Southern cross the Dog“) von einem unbekannten Gitarristen / Sänger hört, der zudem mit einem Messer slidete, war das Genre offensichtlich schon weit gereift.

WC Handy mutierte zum „Father of the Blues“ im Wesentlichen „nur“, weil er diesen dort gehörten Bluessong auf Notenpapier notierte und so zu deren Verbreitung beitrug. Er veröffentlichte in der Folge dann noch zahlreiche weitere Bluessongs.

Wichtige Vorläufer des Blues waren einerseits die Worksongs (field hollers), die beim monotonen und langen Arbeiten Taktgeber, Trost, Ventil und Motivation waren. Es waren Wechselgesänge zwischen Vorsänger und Nachsängern (Call and Response). Die Sklaven brachten die Inspiration dafür seit dem 17. Jahrhundert aus ihren alten Heimaten zumeist aus Westafrika mit. Diese Gesänge wurden laufend weiterentwickelt und dem Zeitgeist, der Situation angepasst.

Nicht unterschätzt werden sollte aber auch der Einfluss der indianischen Traditionen der Indianergesänge. Diese beiden Stränge mischten sich im Laufe der Zeit.

Viele der ersten Bluesmusiker hatten eine Mutter oder mindesten eine Ahnin mit indianischer Herkunft. Dies, weil zumeist männliche Sklaven aus Westafrika geholt wurden und praktisch nur Indianerinnen als Frauen verfügbar waren.

 


„Viele der ersten Bluesmusiker hatten eine Mutter oder mindesten eine Ahnin mit indianischer Herkunft.“

 

Die ersten Sklaven kamen 1619 in den heutigen USA an, 1865 – nach dem Bürgerkrieg – wurden sie nominell befreit.

Die Harmonien, Rhythmen und Melodien kamen aus verschiedenen Quellen. Allen Einflüssen gemeinsam war, dass es vor der Jahrhundertwende (1900) bis in die späten Zwanzigerjahre wenige bis keine verfügbaren Tonaufzeichnungen gab, sondern in der Regel live gehört, aufgesogen und in unterschiedlicher Treue zum Original tradiert wurde.

Man spielte dann aus dem Gedächtnis nach oder liess sich - eher in Ausnahmefällen – die Akkorde und Licks zeigen. Das erklärt auch die vielen Varianten, Eigenarten und Abweichungen.

Populäre Songs aus vielen Stilrichtungen wurden laufend von anderen Musikern übernommen und entsprechend variiert. Einen wichtigen Anteil hatten auch die Musiker und die Lieder von den Vaudeville- und Minstrelshows. Die Theatergruppen zogen damals durch die Lande und waren sehr populär.

Minstrel war eine im 19. Jahrhundert populäre Form der Unterhaltungsmusik in den USA. Die Minstrel-Musik kam in den 1830er Jahren auf. Ursprünglich wurden die Minstrel Shows von weissen Musikern, Tänzern, Clowns und Komikern bestritten, die ihre Gesichter manchmal auch schwarz färbten (Blackface), um die Afroamerikaner zu karikieren.

Sie imitierten zur Belustigung des Publikums ihre Sprache und ahmten die afroamerikanische Art des Tanzens in übertriebener Weise nach. Ab ca. 1860 wurden auch Schwarze für die Show engagiert. Bluesmusiker wie Jelly Roll Morton, W. C. Handy, Ma Rainey und Bessie Smith traten zu Beginn ihrer Karriere in Minstrel Show aufs.

Es gab sogar schwarze Minstrelmusiker, die sich ihr Gesicht schwarz färbten. So konnten sie Auftrittsbeschränkungen umgehen, weil die Zuschauer gar nicht merkten, dass sie wirklich einen Schwarzen vor sich hatten.

 


„Vom Diddley Bow zur Gitarre“

 

Die ersten Instrumente, die dem Blues dienten, waren neben den Gesängen primitive Saiteninstrumente. Meistens selbst gebastelt. Etwa die Drähte, die an die Hauswand gespannt wurden, und mit Metall oder Glas als erste Slideinstrumente verwendet wurden. Nebst Röhrchen und abgeschlagenen Flaschenhälsen wurden auch Messer verwendet.

Man nannte dieses Instrument „One strand on the wall“ oder auch „Diddley bow“.  Der gespannte Draht, der als Saite diente, wurde mit Steinen oben und unten straffgezogen und zugleich für die Bespielbarkeit von der Wand freigestellt.

Die mobile „Diddley bow“ war eine einsaitige Zither. Darauf konnte man ebenfalls sliden. Man nannte das Instrument auch „Jitterbug“ oder „Bo Diddley“. Das einfache Instrument mit Resonanzkörper gilt als Vorläufer der Slidegitarre; die Ursprünge liegen in Afrika.

Der „Diddley Bow“ wurde auf zwei Arten hergestellt: Entweder eine auf einem Brett, oder aber an einer Holzwand angebracht.

Als „echte“ Saiteninstrumente wurden in der Frühzeit zumeist Banjos verwendet. Erst als ein Kaufhaus günstige Gitarren verkaufte trat die Gitarre ihren Siegeszug an. Zu Beginn wurden jedoch oft zwei Saiten entfernt und quasi Banjo darauf gespielt.  Der günstigste Preis betrug damals für so eine Gitarre bei Sears & Roebuck 9.65 Dollar.

Schlaginstrumente standen im Blues noch nicht so sehr im Vordergrund, auch weil diese von den Sklavenhaltern verboten wurden, da man erkannte oder vermutete, dass die Sklaven mit Trommeln und dergleichen kommunizieren konnten. Die Gitarren erlaubten jedoch auch eine perkussive Anwendung, was dies etwas kompensierte. Dazu kam das Stampfen mit den Füssen, das als Paukenersatz diente.

Eine Quelle für das Kennenlernen von Musik und Songs waren die damals populären Wandermusiker in den Vaudeville- und Minstrel-Gruppen. Dazu kamen Einflüsse aus vielen Musikrichtungen von den diversen eingewanderten Ethnien, vorzugsweise aus allen Teilen Europas. Drittens waren herumziehende Orchester, Bands und Einzelmusiker mit teils breitem Repertoire ein starker Einfluss. Viertens kannte man zunehmend das aufkommende Radio, Plattenspieler und erste Jukeboxen (1927). Und zuletzt, aber nicht am unwichtigsten, wurde in den Kirchen Gospel gesungen, was ebenfalls seinen Niederschlag im Blues fand.

Der Blues war nach heutigem Verständnis dazumal vorwiegend Unterhaltungs- und Tanzmusik für eine geschlossene Gruppe mit gleichen Nöten, die Schwarzen. All die Musiker strebten nach Erfolg und Lohn und passten die Musik den Trends und Geschmäckern an, so wie heutzutage auch. Die Musik war demnach wesentlich kommerzieller, als man es sich heute gerne ausmalen würde.

Wegen der real existierenden Segregation war das Publikum fast ausnahmslos schwarz. Somit war es eine geschlossene Community mit anfänglich wenig Wirkung nach Aussen. Man nimmt heute an, dass die ersten stilbildenden Bluesmusiker wie Charley Patton oder Son House ab ca. 1907 den Blues so spielten, dass man ihn heute zweifelsfrei als solchen erkennt.

 


„Blues war Tanz- und Unterhaltungsmusik.“

 

Da die Population im Delta zu der Zeit sehr jung war, gab es auch viele junge hungrige Musiker, die der harten, schlechtbezahlten Feldarbeit entrinnen wollten. Einer der Auswege daraus war eben der des wandernden oder sesshaften Musikers.

Charley Patton, Willie Brown und Son House arbeiteten nahe Cleveland, Mississippi, auf der Dockery Plantation. Von Patton gibt es zahlreiche Aufnahmen aus den Zwanzigerjahren. Er war wohl der erste Bluesstar vorwiegend bei den Schwarzen seiner Zeit.

Pattons Bedeutung ist immens. Kein Country-Blues-Musiker übte einen größeren Einfluss auf nachfolgende Generation des Delta-Blues aus als Patton. Son House, Howlin’ Wolf, Tommy Johnson und Robert Johnson bis hin zu Muddy Waters, John Lee Hooker und Elmore James können ihren Stil, respektive bedeutende Teile davon, auf Patton zurückführen. Patton selber soll bei einem Henry Sloan das Gitarrenspiel gelernt haben, Es wird vermutet, dass Sloan bereits Blues spielte, es gibt aber keine Beweise oder Aufnahmen von ihm.

Nur dank der wenigen Aufnahmen ab den Zwanzigerjahren kennt man einzelne dieser Musiker und ihr Schaffen überhaupt in diesem Umfang und dieser Qualität. Vieles ist dennoch vage und selbst die Zeitzeugen widersprechen sich manchmal. Das ist auch darin begründet, dass oft Neid im Spiel war und einzelne Befragte sich in ein besseres Licht stellen wollten als ihre Konkurrenten.

Das bedeutet aber nicht, dass die heute bekannten Musiker wie Johnson damals die populärsten waren. Sie verdanken ihren Ruf und Glanz nicht unwesentlich dem Umstand, dass sie das Glück hatten aufgenommen worden zu sein. Unzähligen damals wichtigen Musikern muss es versagt gewesen sein und so wurden sie vergessen.

Neben Charley Patton war Robert Johnson einer der ersten Musiker , der ein breites, aus verschiedenen Quellen stammendes Blues-Repertoire mit praktisch allen stilbildenden Elementen des Deltablues aufnahm. Man weiss heute, dass die meisten seiner Songs nicht von ihm „erfunden“ wurden, sondern meistens Adaptionen und Weiterentwicklungen von verschiedenem Quellmaterial sind. Das gilt nicht nur für die Abläufe, Melodien und Licks, sondern auch für die Texte. Das soll sein Können keinesfalls mindern, er steht heute jedoch stellvertretend für Viele auf dem Podest.

Man darf annehmen, dass er einer der ersten war, der sich in seinem Genre auch dank Schallplatten breit auskannte.

Die erste Bluesplatte war übrigens „Crazy Blues“ (1920) von Mamie Smith, die erste von einem Mann aufgenommene Platte (1924) hiess „Airy Man Blue“ und stammte von Papa Charlie Jackson.

Der „Crazy Blues“ war aber ein sogenannter Titularblues, der inhaltlich nicht einem typischer Blues entsprach. Papa Charlie Jackson spielte noch auf einem Banjo Gitarre. Er wuchs in New Orleans auf und schaffte es bis nach Chicago. Er spielte anfangs in Minstrelshows und erlangte als Bluesmusiker einige Bekanntheit mit dem Song „Salty dog Blues“. Er war zudem einer der ersten Vertreter des Hokum-Blues.

 


„Robert Johnson

 – der Vorzeige-Delta-Blueser.“

 

Ab 1927 fanden erste „Field trips“ statt: Plattenfirmen sandten Scouts aus, um vor Ort Musiker aufzunehmen, um Platten zu pressen und zu verkaufen. Ein Zentrum, wo viele Deltamusiker aufgenommen wurden, war damals Memphis Tennessee.

Um Robert Johnson ranken sich viele Gerüchte, die seinen Mythos noch verstärken. Er war ein „Schüler“ von Charley Patton und dessen Sideman Willie Brown, als auch von Son House, die ihm die ersten Tricks in der Gegend von Robinsonville zeigten.  

Das Meiste hatte Johnson ihm und weiteren Gitarristen jedoch wohl eher abgeschaut. In der Regel lernten die angehenden Musiker nämlich durch Abschauen und Nachmachen, denn die gestandenen Musiker wollten keine Konkurrenz aufbauen.

Da Johnson bald für ein Jahr von der Bildfläche verschwand und aus dem Anfänger in dieser kurzen Zeit ein so versierter Gitarrist und Interpret wurde, entstand bei seiner Rückkehr der Mythos, dass er mit dem Teufel einen Pakt geschlossen habe. Dieser Pakt beinhaltete, dass er die erstaunlichen Fähigkeiten gegen seine Seele eingetauscht habe.

Man erfuhr erst später, dass er damals vor allem von einem Ike Zimmermann in Hazlehurst Techniken vermittelt bekommen hatte. Das wussten die Leute damals aber nicht und so entstand die Crossroads-Legende.

 


„Juke Joints – Bühne für den Blues.“

 

Wie zu der Zeit üblich wanderten die schwarzen Musiker wie Johnson als Hobos durch die Gegend und spielten vorwiegend in sogenannten Juke Joints, aber auch auf grösseren Farmen auf. Juke joints waren Treffpunkte, Kneipen, teilweise Bordelle, wo man tanzte, balzte und viel billiger und minderwertiger Alkohol floss.

Populär war „Moonshine“, ein illegal gebrannter Schnaps, der nicht über alle Zweifel erhaben war. „Canned heat“ war Brennpaste, die man als Schnappsersatz mit Wasser verdünnte. Die qualitativ tiefste Stufe war „Alcorub“, giftiger Billigschnaps mit hohem Methylengehalt, der nicht selten blind machen kann.

In den Juke Joints wurden die Wandermusiker üblicherweise mit Naturalleistungen, Trinkgeldern und manchmal mit kleinen Gagen für ihre Darbietungen entlöhnt. Oftmals suchten sich diese wandernden Musiker an jedem Ort eine Frau, die ihnen eine Bleibe und Essen anbot. Die Gegenleistungen waren dann natürlich in der Regel „körperlicher Natur“, wobei sich die Musiker nicht dazu zwingen mussten.

Diese Frauen waren manchmal Bedienstete in einem Herrenhaus und hatten so Zugang zu gutem Essen oder aber auch verheiratet, was bei den Gehörnten nicht immer auf Begeisterung stiess. Das besiegelte übrigens laut Legende auch das Ende von Robert Johnson. So soll er im Alter von nur 27 Jahren von einem Gehörnten vergiftet worden sein.

 


„Neue Freiheiten in Chicago“

 

Die Alternative zum Wandermusikerleben war, dass man als Bauer ein wenig Land bearbeitete oder auf einer Farm als Angestellter arbeitete und in der Freizeit - eigentlich vorwiegend am Wochenende - für die Community aufspielte. Einer, der das in seinen Anfängen tat, war Muddy Waters. Auch als er später nach Chicago emigrierte arbeitete er noch viele Jahre, bis er mit seiner Musik ein Auskommen hatte.

Da die Situation für die ehemaligen Sklaven im Süden der USA immer noch katastrophal war und zudem die Mechanisierung einsetzte entschlossen sich viele der arbeitslos gewordenen Neger in den Norden zu emigrieren, wo Jobs, sozialer Aufstieg und eine bessere Zukunft lockten.

Die ungeheure Krise in den Zwanzigerjahren verstärkte diesen Trend noch wesentlich. In Chicago verdiente man in einer Fabrik in einer Stunde, was man auf Plantagen im Süden pro Tag bekam.

Das Ziel waren meist die Autostadt „Motown“ Detroit oder die „Windy City“ Chicago. Chicagos zahlreiche Schlachthöfe waren jahrzehntelang das Zentrum der amerikanischen Fleischverarbeitungsindustrie und es gab viele Jobs, auch in anderen Industrien. Dahin gelangten sie zu Fuss, mit Eisenbahnen und per Anhalter.

Da sie zumeist mittellos waren schlichen sie sich in die Güterwagen oder zwischen die Wagen. Man nannte das „riding the blinds“. In vielen Bluessongs werden die dazumal bekannten Zuglinien wie die „B&O“ oder „Streamliner“ besungen.

Auf dem Weg nach Chicago wurden die Reisenden in den Südstaaten oft unter irgendeinem Vorwand monatelang festgehalten und mussten als Sträflinge Fronarbeit verrichten. Einer, dem das passierte, war Willie Dixon. In seiner Biografie kann man das nachlesen.

Deltablues
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